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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2020, Unternehmen (Wirtschaft), Seite 19

Deutschland diskutiert über den Schutz: Werden Viren wirklich abgehalten?

Maximilian Weiß ist Geschäftsführer der Palas GmbH in Karlsruhe, die mit knapp 70 Beschäftigten Geräte zur Messung feinster Partikel, zum Beispiel Feinstaub, herstellt. Sie kommen unter anderem im Straßenverkehr zum Einsatz. Seit kurzem misst Palas auf eigenen Prüfständen auch die Viren-Durchlässigkeit von Gesichtsmasken.

Lassen sich Viren genauso messen wie Feinstaub?
Im Grunde ja. Es geht darum, ob oder wie stark Masken Partikel zurückhalten. Aber es ist anspruchsvoller, weil es sich bei Viren um Nanopartikel handelt.

Was bedeutet das?
Viren sind kleinste Partikel, sie bewegen sich um 100 Nanometer herum, wiegen so gut wie nichts und werden von einfachen Masken wesentlich schlechter zurückgehalten als grobe Feinstaubpartikel oder Tröpfchen. Es ist schwieriger, sie zu messen – aber nicht unmöglich. Bakterien zum Beispiel sind viel größer.

Warum ist es überhaupt nötig, die Durchlässigkeit zu testen – alle Masken sind schließlich genormt, das lässt doch generell einen gewissen Schutz vor Viren vermuten?
Professionelle Atemschutzmasken, wie sie zum Beispiel die Feuerwehr benutzt, bieten einen guten Vollschutz, da wird die Luft durch den Filter gereinigt. Aber weil wir nicht alle rumlaufen können wie im Ersten Weltkrieg, benutzen viele Menschen einfachere Masken, und da sieht die Sache schon anders aus.

Wie denn?
Für diese Halbmasken mit einem Gummiband als Halterung gibt es eine andere Norm, die EN 149, und als die eingeführt wurde, hat wohl niemand an so etwas wie Covid-19 gedacht. So erkläre ich mir das jedenfalls. Diese Masken halten zwar Tröpfchen zurück und schützen damit andere. Aber inwieweit sie den Träger schützen, ist ungewiss. Die Norm enthält nur einen groben Wert zur Rückhaltefähigkeit der Masken, mehr nicht. Entscheidend ist aber der Nano-Bereich, denn hier bewegen sich die Viren. Den deckt die Norm nicht ab. Dabei ist es ganz einfach: Große Partikel bleiben in einem Vlies eher hängen, die kleinen gehen durch.

Wie sieht es mit den Masken aus, die Textilhersteller wie Trigema oder Mey jetzt auf den Markt bringen?
Das ist vergleichbar. Ich finde es gut, wenn solche Unternehmen Masken zur Verfügung stellen, denn es gibt zu wenige davon. Aber über den Schutz anderer geht auch das nicht wesentlich hinaus. Man weiß auch bei diesen neuen Masken nicht, wie hoch der sogenannte Durchlassgrad ist. Zum Teil sind diese neuen Masken auch gar nicht sauber geprüft. Man schützt sich mit ihnen zwar auch selbst, aber es ist nicht greifbar, wie sehr.

Was ist mit den Masken nach sogenanntem FFP3-Standard, denen ein Virenschutz zugeschrieben wird?
Sie bieten einen wesentlich besseren Schutz, aber auch diese Masken können nach Norm eine erlaubte Leckage von bis zu 5 Prozent haben. Bis zu 5 Prozent der eingeatmeten Luft werden also überhaupt nicht gefiltert! Außerdem ist die nach Norm angegebene Schutzwirkung von mindestens 99 Prozent für den Anteil der bei der Einatmung gefilterten Luft irreführend. Man könnte das so verstehen, dass von 100 Viren “nur” ein Virus durch den Filter hindurchkommt. Dies ist aber nicht so. Das Messverfahren, das für diese Messungen eingesetzt wird, spiegelt die Schutzwirkung von weit größeren Partikeln wieder. Die Schutzwirkung bei kleineren Viren ist in der Regel wesentlich geringer.

Schals als Virenschutz fallen bei Ihnen sicher erst recht durch.
Auch die halten natürlich Tröpfchen zurück. Aber das ist nichts anderes, als wenn man in die Armbeuge hustet oder niest. Alle möglichen Leute basteln gerade ja auch aus irgendwelchen Materialien Masken – das ist schon grenzwertig. Es wird ein Schutz angenommen, den es gar nicht gibt.

Die Fragen stellte Uwe Marx.

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